Ein Plus für +?

Dank meines Urlaubs habe ich die ersten drei Wochen von Google+ erst einmal nur passiv erlebt. Seit knapp zwei Wochen bin ich jetzt auch „dabei“ – aber doch noch nicht so richtig aktiv. Ganze fünf „Beiträge“ habe ich produziert (na gut, dieses Posting wird der sechste werden), davon drehen sich vier um – Google+, einer davon ist ein „Re-Plus“ (ich weiß immer noch nicht, wie ich die mir selbst im Zeitstrahl lästigen Doppelposts sonst nennen soll). Dazu kommen vielleicht zwei Hand voll Kommentare, die ich zu anderen Beiträgen abgegeben habe.

Google erklärt das Konzept der „Circles“

Ich habe 235 Personen in meinen Circles, von denen geschätze 230 auch in anderen Sozialen Netzwerken in irgendeiner Art und Weise mit mir verbunden sind, und bin selbst in 189 anderen Kreisen. Das ist für mich auch bislang die beachtlichste Zahl: Ich habe den Eindruck, dass mir hier deutlich mehr Unbekannte folgen als etwa auf Twitter, und das dazu noch ziemlich schnell. Vermutlich liegt das an der Vorschlagsfunktion, die ich ebenfalls täglich konsultiere.

Auch die Nutzung der übrigen Features hält sich aktuell bei mir in Grenzen. Das Konzept der Hangouts finde ich witzig (und werde ich vermutlich am ehesten als Büro-Videokonferenz mal testen), in meinem einzigen „Spark“ herrscht tote Hose. Sprich: Aktuell nutze ich Google+ vor allem passiv.

Ich habe hier schon einige spannende Diskussionen entdeckt – allerdings hätte ich die vermutlich auch ohne + per Twitter oder Facebook oder News-Suche an anderer Stelle gefunden. Ãœber das vergleichsweise rasante Wachstum wurde ja an anderer Stelle ausreichend geschrieben. Im Moment scheint sich die Masse der Nutzer aber vorrangig aus einigen wenigen Gruppen zu rekrutierten: PR-/Social-Media-/Marketing-Schaffende (die sich, so wie ich, das neue Netzwerk vermutlich sowohl aus privatem wie beruflichen Interesse anschauen wollen), Journalisten (dito, vor allem natürlich die IT- und Wirtschaftsjournalisten, die auch schon auf Twitter & Co unterwegs sind) und vielleicht noch ein paar Politiker, die sich auf den nächsten Online-Wahlkampf vorbereiten wollen.

Wen ich – aus meinem Bekanntenkreis jedenfalls – vermisse, sind die „Normalos“. Die Leute, für die „das Internet“ gleichbedeutend mit dem WWW ist, die vielleicht vor drei Jahren dank Wer kennt wen oder den Lokalisten sanft den Einstieg in das Web 2.0 geschafft haben und die vielleicht letztes Jahr Facebook für sich entdeckt haben. Die Leute, die auch noch nicht auf Twitter unterwegs sind.

Warum ist das so? Die Frage ist vermutlich eher, warum sollte das nicht so sein? Welchen Mehrwert findet ein Mensch, für den das Internet nicht der Lebens- oder Arbeitsmittelpunkt ist, bei Google+? Aus meiner Sicht im Moment noch keinen großen. All das, was ich auf Google+ machen kann – Bilder, Nachrichten oder Videos posten, Beiträge kommentieren, kann ich auch auf Facebook. Und da wo Google+ mit seinen Stärken punkten kann – etwa beim Thema Datenschutz, bei der Verwaltung meiner Community in den Circles, gewinnt Facebook vermutlich bei vielen Nutzern mit (echter oder gefühlter) Usability und User Experience. Für Otto Normaluser ist Google+ vermutlich zu umständlich und nicht intuitiv genug, und außerdem sind seine Freunde eh alle auf Facebook.

Das ist erst einmal eine grobe Bestandsaufnahme aus meiner Sicht. Es kann und wird sich sicher noch einiges ändern bei +. Im Moment würde ich den Kommentatoren zustimmen, die sagen, dass Google+ eher Twitter als Facebook bedroht – meine Circles nutzen den Dienst definitiv überwiegend als Nachrichtenverteilmedium mit dem Bonus, dass ich hier gleich auch vernünftige Diskussionen führen an. Andererseits machen für mich diese teils ausufernden Diskussionen ebenso wie die vielen Doppelposts mit langen Beiträgen oder großen Bilder Google+ eher unübersichtlich.

Wenn ich auf Twitter den gleichen Link zehnmal als Kurz-URL erhalte, habe ich da in nullkommanix drüber hinweggelesen, das gleiche dauert bei + deutlich länger und nervt (mich) mehr. Interessant dürfte sein, wie stark Google+ als Blog-Ersatz oder Blogging-Dienst genutzt wird – aktuell dürften sicher Links zu „klassischen“ Blogbeiträgen überwiegen, aber das muss nicht so bleiben. Mein Tipp: Google+ wird den ein oder anderen zum Bloggen bringen, dem ein selbstverwaltetes Blog bis jetzt zu viel Arbeit war.

Keine Frage: Die Mitgliederzahlen zeigen, dass Google+ anders als Wave oder vielleicht auch Buzz keine Eintagsfliege bleiben wird. Im Moment nehme ich aber eher eine Zweiklassengesellschaft war: Die Kommunikationsprofis finden Google toll, der Rest fühlt sich auf Facebook pudelwohl und sieht gar keinen Grund, etwas neues auszuprobieren. Ich bin gespannt, ob diese Nutzung in den USA oder anderen Ländern, wo GMAIL einen großen Marktanteil hat, anders aussieht, für Deutschland dürfte es meiner Meinung nach aber eine Weile dabei bleiben.

Beruflich bin ich natürlich auf die angekündigten Brand Pages gespannt – da wird Google+ sich dann in der Tat dem Wettbewerb mit Facebook stellen müssen. Allerdings werden für Unternehmen auch hier die Zahlen der „Normalo-User“ relevant sein – schließlich will ich mein Unternehmen vor allem dort „verkaufen“, wo auch meine Zielgruppe ist. Vielleicht wird ja Google+ das dicke Ding im B2B-Geschäft…

Also, ein Plus für +? Für mich Stand heute noch nicht.


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